BDSM - Blog

Was ist BDSM ohne BDSM?

Ein Gedankenexperiment über Seile, Macht und die erstaunliche Tatsache, dass ausgerechnet die vermeintlich Perversen so viel miteinander reden.

Beginnen wir mit der naheliegenden Frage.

Was macht BDSM zu BDSM? Seile? Handschellen? Leder? Gerten? Ein Halsband? Eine Augenbinde? Eine möglichst tiefe Stimme, die „Du gehörst mir“ sagt? Vermutlich.

Zumindest wenn man dem Internet glaubt. Dann wäre BDSM im Grunde ein gut sortierter Baumarkt mit ausgesprochen zweifelhafter Beleuchtung. Nur: Das ist ungefähr so sinnvoll, wie Musik über den Inhalt eines Instrumentenkoffers zu definieren. Man verwechselt das Vokabular mit der Grammatik.

Also machen wir ein kleines Experiment. Wir nehmen BDSM alles weg, woran man BDSM erkennt. Das Seil verschwindet. Das Leder auch. Die Rollen. Die Titel. Die Gerten. Die Handschellen. Die dramatische Musik. Das Kerzenlicht. Das ganze hübsche Inventar, mit dem man auf Fotos sehr überzeugend nach „Ich habe meine dunkle Seite gefunden“ aussehen kann. Und natürlich das Wort BDSM selbst.

Was bleibt?

Zunächst erstaunlich wenig Spektakuläres. Menschen, die darüber sprechen, was sie tun wollen. Menschen, die darüber sprechen, was sie nicht tun wollen. Menschen, die Grenzen benennen, bevor jemand dagegenläuft. Menschen, die ein Wort vereinbaren, bei dem sofort Schluss ist. Menschen, die zwischendurch fragen, ob alles noch okay ist. Und Menschen, die hinterher tatsächlich darüber reden, wie es ihnen damit ging.

Kurz gesagt: Menschen, die kommunizieren.

Das ist jetzt nicht unbedingt das Bild, das man von einer vermeintlich besonders perversen Subkultur erwartet. Man könnte fast den Eindruck bekommen, BDSM sei weniger die große sexuelle Abweichung als eine sehr eigenartige Fortbildung in angewandter zwischenmenschlicher Kommunikation.

Während der Rest der Gesellschaft offenbar weiterhin an der anspruchsvollen Methode „Wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du wissen, was ich meine“ arbeitet.

Willkommen im Land des Gedankenlesens

Denn außerhalb von BDSM gilt Kommunikation häufig als etwas, das man möglichst vermeidet, solange es auch irgendwie anders geht. Bedürfnisse? Sollte der andere doch merken. Grenzen? Wenn ich sie erklären muss, ist es doch schon unromantisch. Wünsche? Man möchte ja nicht fordernd wirken. Und wenn etwas schiefgeht, gibt es immer noch den Klassiker: „Das hätte ich doch wissen müssen.“ Nein. Hättest du nicht. Woher auch? Du bist schließlich kein Hellseher. Du bist ein Mensch mit einem Gehirn, das noch nicht einmal zuverlässig weiß, warum es um drei Uhr nachts plötzlich beschließt, über eine peinliche Situation aus dem Jahr 1998 nachzudenken.

Und trotzdem wird ausgerechnet in der Sexualität gern so getan, als müsse echte Nähe ohne Worte funktionieren. Man spürt es einfach. Man weiß es. Man kennt sich. Und wenn man sich wirklich liebt, braucht man natürlich keine Absprachen.

BDSM hält dagegen eine erstaunlich unromantische Wahrheit bereit: Ich kann nicht in deinen Kopf schauen. Also frage ich. Das ist ungefähr so revolutionär wie die Erfindung des Telefons.

Dann wäre BDSM also nur gute Kommunikation?

Fast. Und genau hier wird es interessant. Denn wenn man BDSM nur auf Kommunikation, Grenzen, Achtsamkeit und gegenseitige Rücksicht reduziert, könnte man das Ganze wunderbar aus der Szene herausoperieren und in den Alltag verpflanzen. Im Streit ein Safeword. Im Büro ein Stoppsignal. In der Ehe regelmäßige Nachbesprechungen. In Freundschaften die Erkenntnis, dass ein Nein nicht automatisch eine persönliche Beleidigung darstellt. Und im Management vielleicht die revolutionäre Einsicht, dass Menschen, die weniger Macht haben, trotzdem Menschen sind.

Man könnte das Konzept sogar in die Arbeitswelt tragen. „Bevor wir anfangen, klären wir kurz die Grenzen.“ „Was brauchst du, damit das für dich funktioniert?“ „Ist diese Aufgabenverteilung tatsächlich okay oder sagst du nur Ja, weil ich dein Gehalt unterschreibe?“ „Nach dem Konflikt sollten wir noch einmal darüber sprechen.“ Man stelle sich die Gesichter in deutschen Führungskräfteseminaren vor. Plötzlich wäre das Wort „Safeword“ nicht mehr der peinliche Teil des Gesprächs. Es wäre vermutlich die effizienteste Methode, einen Betriebsrat zu gründen.

Das Problem ist nur: Dann fehlt etwas

Denn wenn BDSM lediglich eine besonders strukturierte Kommunikationsmethode wäre, könnten wir die Szene eigentlich dichtmachen. Alle bitte nach Hause. Seile in die Altkleidersammlung. Gerten zum Sperrmüll. Die letzten Halsbänder werden beim Bürgeramt abgegeben. Wir haben jetzt schließlich Konsens-Kultur.

Nur wäre das ein ziemlich grundlegendes Missverständnis. Denn BDSM besteht nicht nur aus einer Ethik. Es besteht auch aus einem Erfahrungsraum. Und der lässt sich nicht einfach mit nach Hause nehmen.

Denn BDSM tut etwas sehr Spezifisches: Es macht Macht sichtbar. Und das ist bemerkenswert.

Macht, aber ehrlich

Macht gibt es schließlich überall. In Beziehungen. In Familien. In Freundschaften. Im Beruf. Beim Geld. Bei Abhängigkeiten. Bei der Frage, wer gehen kann und wer bleiben muss. Bei der Frage, wessen Nein Konsequenzen hat.

Nur reden wir darüber meistens nicht. Wir nennen es dann Persönlichkeit. Oder Verantwortung. Oder Führung. Oder „Das hat sich halt so ergeben“.

Im BDSM ist die Sache etwas unangenehm deutlicher. Da kann jemand tatsächlich sagen: „Für die nächsten zwei Stunden übernehme ich die Führung.“ Und die andere Person kann sagen: „Ja.“ Mit Bedingungen. Mit Grenzen. Mit einem Ende. Mit einer Notbremse. Und plötzlich ist etwas sichtbar, das im Alltag gern unsichtbar bleibt. Macht.

Hegel hätte daran vermutlich seine Freude gehabt. Denn in seiner berühmten Dialektik von Herr und Knecht steckt unter anderem die Frage, was Anerkennung eigentlich wert ist, wenn sie nicht von einem freien Gegenüber kommt.

Und genau hier wird BDSM philosophisch ziemlich frech. Denn die Unterwerfung ist nur deshalb etwas wert, weil sie freiwillig gegeben wird. Macht wird nicht genommen. Sie wird geliehen. Und derjenige, der sie scheinbar abgibt, behält ein ziemlich entscheidendes Recht: Sie wieder zurückzunehmen. Das ist schon fast unanständig vernünftig.

Und dann wäre da Kant

Hier bemühe ich noch einen zweiten Kant. Denn Kant hat mit seinem Gedanken vom Menschen als Zweck an sich einen bemerkenswert passenden Maßstab geliefert: Ein Mensch darf niemals bloß als Mittel für die Zwecke eines anderen behandelt werden.

Und genau hier wird BDSM interessant. Denn von außen betrachtet sieht Unterwerfung zunächst ziemlich eindeutig nach Objektwerdung aus. Eine Person kniet. Eine andere befiehlt. Eine Person wird fixiert. Eine andere entscheidet. Eine Person gibt Kontrolle ab. Wenn man nur auf die Oberfläche schaut, könnte man zu dem Schluss kommen: Da wird ein Mensch zum Mittel gemacht.

Aber konsensuelles BDSM funktioniert gerade nicht dadurch, dass der Mensch verschwindet. Sondern dadurch, dass seine Subjektivität Voraussetzung des gesamten Spiels bleibt. Die unterwerfende Person ist nicht weniger Person, weil sie sich unterwirft. Im Gegenteil. Damit ihre Unterwerfung überhaupt Bedeutung bekommt, muss sie einen eigenen Willen haben. Sie muss entscheiden können. Sie muss Nein sagen können. Sie muss ihre Grenzen kennen oder zumindest erkunden dürfen. Und sie muss die Möglichkeit behalten, ihre Zustimmung zurückzunehmen.

Das ist eine ziemlich kuriose Konstruktion: Die freiwillige Aufgabe von Macht setzt voraus, dass man Macht über sich selbst besitzt. Oder, weniger philosophisch: Wer wirklich nichts zu sagen hat, kann auch nicht wirklich zustimmen. Damit wird die vermeintliche Schwäche plötzlich zu einer Form von Handlungsmacht.

Und der dominante Part? Der bekommt zwar Macht. Aber eben nicht automatisch den Menschen. Er bekommt eine Aufgabe. Eine Verantwortung. Einen zeitlich und inhaltlich begrenzten Vertrauensvorschuss. Das ist ein ziemlich großer Unterschied.

Man könnte sogar sagen: BDSM nimmt Kants Forderung, den anderen nicht bloß als Mittel zu behandeln, und macht daraus ein Spiel mit genau der Frage, wie weit man einen Menschen als Mittel spielen kann, ohne ihn tatsächlich dazu zu machen.

Die Antwort lautet: So weit, wie seine Freiheit erhalten bleibt. Und genau deshalb ist Konsens nicht das freundliche Vorspiel zum eigentlichen BDSM. Er ist seine Voraussetzung.

Der kleine philosophische Haken

Natürlich könnte man jetzt anfangen, Kant auf jedes Halsband zu kleben und Hegel auf jede Gerte. Das wäre allerdings ungefähr so sinnvoll, wie Goethe auf einen Flyer für einen Töpferkurs zu drucken, nur weil er auch mal etwas über Farben geschrieben hat.

Philosophie macht BDSM nicht automatisch tiefgründiger. Aber BDSM kann philosophische Fragen ziemlich praktisch machen. Was bedeutet Freiheit, wenn ich mich freiwillig unterwerfe? Was bedeutet Macht, wenn sie nur geliehen ist? Was bedeutet Verantwortung, wenn der andere mir ausdrücklich erlaubt, Einfluss auf ihn zu nehmen? Und was bedeutet Gleichheit, wenn zwei Menschen freiwillig eine Ungleichheit herstellen?

Das sind keine Fragen, die sich mit einem Safeword erledigen lassen. Aber vielleicht ist genau das der Reiz. BDSM macht aus abstrakten Fragen Erfahrungen.

Der Unterschied liegt im Rahmen

Nehmen wir einen Schlag. Physikalisch ist ein Schlag zunächst einmal ein Schlag. Die Haut registriert einen Reiz. Nerven reagieren. Der Körper verarbeitet ihn. Das Nervensystem liest dabei allerdings nicht die romantische Begleitmusik mit. Es weiß nicht: „Ah, sehr schön, das war jetzt konsensuell vereinbart.“ Der Körper bekommt einen Reiz. Die Bedeutung entsteht im Kontext. Was wurde vorher besprochen? Was war vereinbart? Was durfte passieren? Was durfte nicht passieren? Was konnte jederzeit beendet werden? Und was geschieht danach?

Genau deshalb ist BDSM nicht einfach eine Sammlung bestimmter Handlungen. Der gleiche körperliche Vorgang kann in völlig unterschiedlichen Kontexten etwas völlig anderes bedeuten. Der Unterschied liegt nicht unbedingt in der Handlung.

Er liegt im Rahmen. Und Rahmen sind mächtig.

Ein Theaterstück ist schließlich auch nicht dadurch real, dass man vergisst, dass es ein Theaterstück ist. Im Gegenteil. Gerade weil alle wissen, dass es ein Spiel ist, kann man Dinge darstellen, die außerhalb dieses Raumes nicht möglich wären.

BDSM funktioniert ähnlich. „Wir tun jetzt das.“ Dieser Satz ist wichtiger, als er klingt. Denn er markiert einen Raum. Hier gelten andere Regeln. Hier wird etwas ausprobiert. Hier darf Macht gespielt werden. Hier darf Kontrolle abgegeben werden. Hier darf Intensität entstehen. Und hier gibt es einen Punkt, an dem alles wieder endet.

Das Safeword ist eigentlich eine kleine Revolution

Und dann wäre da noch das Safeword. Ein Wort, das nicht diskutiert wird. Nicht interpretiert. Nicht beleidigt aufgenommen. Nicht als mangelnde Hingabe gewertet wird. Ein Wort, das bedeutet: Nein. Jetzt. Das ist erstaunlich radikal. Denn im Alltag wird ein Nein erstaunlich häufig behandelt wie ein erster Verhandlungsvorschlag. „Warum nicht?“ „Aber wieso?“ „Nur dieses eine Mal.“ „Stell dich nicht so an.“ „Du könntest es wenigstens versuchen.“ Das Safeword sagt: Nein ist keine Diskussionsgrundlage. Es ist eine Information. Und vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum BDSM von außen oft so paradox wirkt.

Die Praktiken können extrem aussehen. Der Umgang mit Grenzen ist dagegen häufig erstaunlich nüchtern. Fast bürokratisch. Es gibt Regeln. Es gibt Zuständigkeiten. Es gibt Absprachen. Es gibt Eskalationsstufen. Es gibt ein Notfallverfahren. Und anschließend eine Evaluation. Man könnte beinahe meinen, BDSM sei von deutschen Ingenieuren erfunden worden.

Was bleibt, wenn man alles wegnimmt?

Und vielleicht ist genau das die Antwort auf die Frage, was BDSM ohne BDSM wäre: Es wäre eine Welt, in der wir hoffentlich gelernt hätten, besser miteinander umzugehen. Aber vielleicht wäre es auch eine ziemlich langweilige Welt. Denn manchmal brauchen Menschen nicht nur Regeln, um sicher zu sein. Manchmal brauchen sie einen Raum, in dem sie herausfinden können, was innerhalb dieser Regeln überhaupt möglich ist.

Und vielleicht ist die eigentliche Besonderheit von BDSM deshalb nicht, dass dort Dinge passieren, die anderswo nicht passieren dürfen. Sondern dass dort Dinge passieren können, weil vorher so verdammt viel darüber gesprochen wurde.

Das ist vielleicht weniger skandalös als gedacht. Aber deutlich interessanter.

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