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Inklusion im BDSM: Wo sie endet, bevor sie beginnt

Die BDSM-Szene versteht sich gerne als offener, wertfreier Raum. Wer neu dazukommt, hört oft den Satz, hier sei wirklich jede und jeder willkommen. Diese Selbstbeschreibung stimmt nur zum Teil. Ein genauerer Blick auf die Praxis zeigt, dass Inklusion selektiv funktioniert. Sichtbares wird meist mitgedacht, Unsichtbares bleibt meist außen vor. Wer als Rollstuhlfahrer*in an eine Tür kommt, wird heute eher mitgedacht als noch vor zehn Jahren. Wer aus finanziellen, sensorischen oder neurologischen Gründen ausgeschlossen bleibt, fällt dagegen kaum auf, weil dieser Ausschluss unsichtbar bleibt.

Barrierefreiheit hat in den letzten Jahren spürbar an Aufmerksamkeit gewonnen. Immer mehr Veranstalter*innen achten auf ebenerdige Zugänge, breite Türen oder rollstuhlgerechte Sanitärräume. Das ist ein wichtiger Fortschritt, der lange nicht selbstverständlich war. Genau hier zeigt sich aber auch das Muster. Inklusion wird vor allem dort mitgedacht, wo eine Einschränkung auf den ersten Blick erkennbar ist. Chronische Erkrankungen, Schmerzstörungen oder wechselnde Energielevel bleiben dagegen oft unberücksichtigt. Ein Workshop, der drei Stunden im Stehen stattfindet, ohne Sitzgelegenheit oder Pausen, schließt Menschen mit unsichtbaren Beeinträchtigungen genauso aus wie eine Treppe einen Rollstuhl.

Ähnliches gilt für neurodivergente Menschen. Eine Erhebung unter BDSM-Praktizierenden fand bei 5,7 Prozent eine Autismus-Diagnose. Das ist mehr als fünfmal so viel wie in der Allgemeinbevölkerung angenommen wird (zitiert nach Pliskin, 2022). Autistische Menschen sind in der Szene also überdurchschnittlich vertreten, vermutlich weil klare Regeln, explizite Kommunikation und verhandelte Grenzen ihnen entgegenkommen. Trotzdem sind viele Veranstaltungsräume für sie kaum nutzbar. Laute Musik, grelles Licht und dicht gedrängte Menschen auf Kinkpartys überfordern sensorisch. Reizarme Rückzugsräume oder klar strukturierte Abläufe fehlen fast überall. Eine Gruppe, die überproportional Teil der Szene ist, wird von deren Räumen gleichzeitig schlecht bedient.

Ein ähnliches Problem betrifft Sprache und Herkunft. Verhandlungen über Grenzen, Wünsche und Safewords brauchen präzises Vokabular, oft in Fachbegriffen, die selbst Muttersprachler*innen erst lernen müssen. Wer Deutsch nicht als erste Sprache spricht, hat es damit schwerer. Das gilt besonders für Menschen, die erst seit kurzer Zeit im Land leben, und macht Workshops und Partys für sie unsicherer. Die deutsche Szene ist in weiten Teilen auf ein bildungsbürgerliches, deutschsprachiges Publikum zugeschnitten, ohne dass dies bewusst so entschieden wurde. Es ist einfach die Norm, an der niemand rüttelt.

Auch die soziale Zusammensetzung der Szene verdient einen kritischen Blick. Eine internationale Befragung von über 800 BDSM-Praktizierenden aus 43 Ländern liefert dazu Zahlen. 84 Prozent der Teilnehmenden waren weiß, trotz gezielter Bemühungen um eine diverse Stichprobe (Westlake & Mahan, 2023). Über die Hälfte der Befragten hatte einen Hochschulabschluss. Das Bild einer offenen, für alle zugänglichen Szene deckt sich nicht mit diesen Zahlen.

Woran liegt das? Die Forscherin Kat Martinez befragte für ihre Studie sowohl weiße als auch racialisierte Kinkster*innen zu ihren Erfahrungen (Martinez, 2020). Die Unterschiede in den Antworten waren deutlich. Weiße Befragte erklärten die geringe Präsenz Schwarzer und anderer nicht-weißer Personen meist mit finanziellen oder strukturellen Gründen. Racialisierte Befragte berichteten dagegen von konkreter Diskriminierung, offen oder subtil, innerhalb der Szene selbst. Wer Rassismus nicht am eigenen Leib erlebt, hält ihn schnell für ein Randproblem. Wer ihn erlebt, weiß es besser.

Finanzielle Hürden werden in der Inklusionsdebatte ebenfalls selten benannt, obwohl sie erheblich sind. Workshops, Kongresse und Zertifizierungen kosten Geld, oft mehrere hundert Euro pro Wochenende. Reisekosten, spezielle Ausrüstung und Mitgliedsbeiträge in Vereinen kommen hinzu. Wer wenig verdient, bleibt außen vor, unabhängig von Interesse oder Eignung. Das betrifft Menschen mit Behinderung, die ohnehin häufiger von Armut betroffen sind, besonders stark. Eine Szene, die sich als Bildungsraum versteht, sollte diesen strukturellen Ausschluss nicht länger ignorieren.

Ein weiterer blinder Fleck betrifft Körperbilder. Kleidung wird häufig nur bis zu bestimmten Konfektionsgrößen produziert. Größere Körper tauchen in der Außendarstellung der Szene selten auf, es sei denn als eigene, fetischisierte Kategorie. Ältere Menschen fehlen in der Werbung praktisch vollständig, obwohl sie einen relevanten Teil der Praktizierenden ausmachen. Das unterscheidet sich kaum von Ausschlussmechanismen außerhalb der Szene. Wer BDSM als Gegenentwurf zu gesellschaftlichen Normen versteht, sollte diesen Widerspruch aushalten und offen benennen, statt ihn zu übergehen.

Was folgt daraus? Zunächst die Erkenntnis, dass Inklusion mehr ist als ein rollstuhlgerechter Zugang. Echte Inklusion würde bedeuten, Preise sozial zu staffeln, damit Workshops nicht nur gutverdienenden Menschen offenstehen. Sie würde bedeuten, reizarme Rückzugsräume auf Veranstaltungen von Anfang an mitzuplanen. Sie würde bedeuten, Rassismus innerhalb der eigenen Reihen offen zu benennen, statt ihn mit dem Verweis auf angebliche Buntheit wegzuwischen. Und sie würde bedeuten, Körperbilder jenseits eines schmalen, jungen, schlanken Spektrums sichtbar zu machen.

Es würde außerdem bedeuten, Informationsmaterial in einfacher Sprache und in mehreren Sprachen anzubieten, damit Sicherheit nicht von Deutschkenntnissen abhängt. Keiner dieser Schritte ist kompliziert umzusetzen. Sie kosten aber etwas, das in Diskussionen über Inklusion oft fehlt, nämlich die Bereitschaft, die eigene Szene selbstkritisch zu betrachten.

Solange Inklusion dort endet, wo sie unbequem wird, bleibt sie ein Lippenbekenntnis. Eine Szene, die sich Aufklärung auf die Fahnen schreibt, sollte sich an ihren eigenen Zahlen messen lassen. Der eigene Anspruch allein reicht dafür nicht. Erst wenn Inklusion für unsichtbare Einschränkungen genauso selbstverständlich wird wie für sichtbare, hat der Begriff seine Bedeutung wirklich verdient.

Quellen

Martinez, K. (2020). Overwhelming whiteness of BDSM: A critical discourse analysis of racialization in BDSM. Sexualities. https://doi.org/10.1177/1363460720932389

Pliskin, A. E. (2022). Autism, sexuality, and BDSM. Ought: The Journal of Autistic Culture.

Westlake, B., & Mahan, K. (2023). An international survey of BDSM practitioner demographics: The evolution of purpose for, participation in, and engagement with kink activities.

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