BDSM - Blog

Bin ich normal?

Bevor es losgeht

Vielleicht sitzt du gerade allein vor deinem Bildschirm, hast diesen Text irgendwo gefunden, und traust dich noch nicht, mit jemandem darüber zu sprechen. Genau für diesen Moment habe ich ihn geschrieben.

Ich bin Talea Kant, ich arbeite seit Jahren wissenschaftlich fundiert und ohne erhobenen Zeigefinger zum Thema BDSM, und ich kenne die drei Fragen, die fast jede Person am Anfang stellt, sehr genau. Bin ich normal? Wo stehe ich eigentlich? Und wie, um alles in der Welt, sage ich das jemandem? Diesen drei Fragen widmet sich dieser Text. Er ersetzt kein Gespräch mit vertrauten Menschen und keine persönliche Beratung, aber er kann ein erster, ruhiger Schritt sein, den du ganz für dich allein gehen kannst.

Bin ich normal?

Ich beantworte das gleich zu Anfang, ohne Umweg: Ja, sehr wahrscheinlich bist du das.

Was sich für dich gerade wie ein sehr persönliches, vielleicht beunruhigendes Geheimnis anfühlt, ist wissenschaftlich untersucht, und die Befunde sind eindeutiger, als die meisten Menschen denken. Wismeijer und van Assen (2013) haben in einer groß angelegten Untersuchung das psychische Wohlbefinden von BDSM-Praktizierenden mit dem der Allgemeinbevölkerung verglichen. BDSM-Praktizierende schnitten dabei in mehreren Bereichen nicht schlechter ab, in manchen sogar besser. Es gibt also keine solide wissenschaftliche Grundlage für die Annahme, ein Interesse an Machtgefälle, Kontrolle oder Schmerz als Lustquelle sei ein Zeichen für eine Störung oder ein früheres Trauma.

Vielleicht kennst du auch das Gefühl, mit diesen Fantasien schon sehr lange allein zu sein, länger, als du selbst wahrhaben wolltest. Auch das ist kein Ausnahmefall. Bezreh, Weinberg und Edgar (2012) befragten erwachsene BDSM-Praktizierende zu ihrer Geschichte und fanden, dass die meisten von ihnen ihr Interesse bereits vor dem 15. Lebensjahr entwickelt hatten, oft begleitet von einer langen Phase aus Angst und Scham, lange bevor überhaupt eine erste Session oder ein Gespräch mit einem Gegenüber zur Debatte stand. Wenn du also das Gefühl hast, du trägst das schon dein halbes Leben mit dir herum, ohne es jemals ausgesprochen zu haben, bist du damit nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Was du fühlst, ist also nicht das Problem. Das Problem ist höchstens, wie wenig gute, seriöse Information es gibt, an der du diese Erfahrung spiegeln kannst.

Wo stehe ich?

Die zweite Frage ist meistens nicht, ob BDSM etwas für dich ist, sondern welchen Platz du darin einnimmst. Bist du eher die Person, die die Kontrolle übernimmt, oder die, die sie abgibt? Oder wechselt das, je nachdem, mit wem du zusammen bist, oder sogar innerhalb derselben Begegnung?

Ich sage das gleich vorweg, damit du dir diese Frage nicht schwerer machst, als sie sein muss: Es gibt hier kein falsches Ergebnis. Wer zwischen beiden Polen wechselt, wird als Switch bezeichnet, und das ist keine Verlegenheitslösung für alle, die sich nicht entscheiden können, sondern eine eigenständige, ernstzunehmende Position. Bennett (2025) hat in einer qualitativen Untersuchung gezeigt, dass Switches oft eigene, sehr bewusste Gründe für ihre wechselnde Position haben, in der Fachliteratur aber lange kaum vorkamen, weil die meisten Modelle stillschweigend von einer festen Rolle ausgehen. Wenn du dich in keiner der beiden Schubladen wiederfindest, ist das also kein Zeichen von Unentschlossenheit, sondern schlicht eine dritte, ebenso gültige Antwort.

Die folgenden Fragen sollen dir helfen, deine eigene Antwort ein Stück klarer zu sehen. Nimm dir Zeit dafür, es gibt keine Uhr, die hier tickt.

· Wann fühlst du dich in deinen Fantasien lebendiger, wenn du die Kontrolle hast, oder wenn du sie abgibst?

· Gibt es Situationen, in denen du dir beides gut vorstellen könntest, je nachdem, mit wem du zusammen bist?

· Macht dir eher das Führen Freude, das Sorgen, das Entscheiden für jemand anderen?

· Oder eher das Loslassen, das Vertrauen, das Sich-fallen-lassen-Können?

· Oder reizt dich am meisten genau der Wechsel selbst, mal die eine, mal die andere Seite?

Es ist völlig in Ordnung, wenn du auf keine dieser Fragen sofort eine klare Antwort hast. Diese Klarheit entsteht bei den meisten Menschen nicht am Schreibtisch, sondern über Zeit, über Gespräche, über erste vorsichtige Erfahrungen. Eine internationale Befragung von Westlake und Mahan (2023) zeigt das anschaulich: Im Schnitt liegt der erste Kontakt mit dem Thema BDSM bei 18,4 Jahren, erste eigene Aktivitäten folgen erst mit etwa 24,4 Jahren, und der erste Anschluss an eine Community sogar erst mit rund 30 Jahren. Zwischen erstem Interesse und dem Gefühl, bereit für Austausch mit anderen zu sein, liegen bei den meisten Menschen also Jahre. Du musst diesen Weg nicht abkürzen.

Wie sage ich es?

Diese Frage ist die schwierigste, weil sie nicht mehr nur dich betrifft, sondern auch eine andere Person, deren Reaktion du nicht kontrollieren kannst. Ich trenne hier bewusst zwei Situationen, weil sie unterschiedliche Herangehensweisen brauchen.

Du willst es jemandem erzählen

Wähle einen Moment, in dem ihr beide Zeit und Ruhe habt, keine Situation zwischen Tür und Angel, und keinen Moment direkt vor oder nach einer sexuellen Handlung, das setzt unnötig Druck auf. Beginne eher bei dir selbst als beim Thema.

„Ich möchte dir etwas von mir erzählen, das mir wichtig ist, und ich bin etwas nervös dabei.“

Ein Satz wie dieser öffnet das Gespräch, ohne dass dein Gegenüber sofort in eine Verteidigungshaltung geht. Du musst nicht in einem Gespräch alles erklären. Es reicht oft, den ersten Satz zu sagen, und dem Gegenüber Raum für Fragen zu lassen, statt einen Vortrag zu halten, für den vielleicht auch du selbst noch keine fertigen Worte hast.

Bezreh, Weinberg und Edgar (2012) beschreiben Offenlegung treffend als eine Abwägung, bei der Menschen ständig zwischen dem Wunsch nach echter, authentischer Verbindung und der Sorge vor negativen Konsequenzen navigieren. Es ist also völlig normal, wenn sich dieses Gespräch nicht leicht anfühlt. Das sagt nichts darüber aus, ob es richtig ist, es zu führen.

Dir wurde gerade davon erzählt

Vielleicht bist du aber auch gerade in der anderen Situation. Ein Mensch, der dir wichtig ist, hat dir gerade von seinem oder ihrem Interesse an BDSM erzählt, und du weißt nicht, wie du reagieren sollst. Das Wichtigste zuerst: Diese Person hat dir gerade etwas sehr Persönliches anvertraut, das allein ist schon ein Vertrauensbeweis, unabhängig davon, wie du inhaltlich dazu stehst.

Du musst in diesem Moment nicht sofort wissen, ob das etwas für dich ist. Es reicht völlig, zu sagen, dass du dankbar für die Offenheit bist und Zeit brauchst, um darüber nachzudenken. Was du vermeiden solltest, ist eine sofortige Bewertung, weder eine ablehnende noch eine übertrieben begeisterte. Beides nimmt dem Gegenüber die Möglichkeit, in Ruhe zu erzählen, was das für die eigene Person eigentlich bedeutet.

BDSM ist außerdem, das nur nebenbei, kein Widerspruch zu einer liebevollen, respektvollen Beziehung, sondern für viele Paare eine weitere Ebene von Vertrauen und Kommunikation, keine Bedrohung dafür.

Und jetzt?

Du musst nach diesem Text nichts tun. Es reicht, wenn er dir gezeigt hat, dass die Fragen, die du dir vielleicht schon lange stellst, nicht ungewöhnlich sind. Wenn du irgendwann mehr wissen möchtest, ohne gleich eine große Verpflichtung einzugehen, findest du auf talea-kant.com weitere Formate. Es gibt keinen Zeitplan, den du einhalten musst. Dein Tempo ist das richtige Tempo.

Quellen

Bennett, T. (2025). „Switch it up“: A qualitative analysis of BDSM switches. Sexualities. https://doi.org/10.1177/13634607241305967

Bezreh, T., Weinberg, T. S., & Edgar, T. (2012). BDSM disclosure and stigma management: Identifying opportunities for sex education. American Journal of Sexuality Education, 7(1), 37–61. https://doi.org/10.1080/15546128.2012.650984

Westlake, B., & Mahan, I. (2023). An international survey of BDSM practitioner demographics: The evolution of purpose for, participation in, and engagement with, kink activities. Journal of Sex Research.

Wismeijer, A. A. J., & van Assen, M. A. L. M. (2013). Psychological characteristics of BDSM practitioners. The Journal of Sexual Medicine, 10(8), 1943–1952. https://doi.org/10.1111/jsm.12192

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