BDSM - Blog

BDSM ist sichtbar geworden. Aber sind wir deshalb akzeptiert?

Auf beinahe jedem Wochenmarkt gibt es inzwischen Nietengürtel und Lederhandschuhe zu kaufen, ohne dass jemand die Augenbraue hebt. In Serien tauchen Fesselspiele auf, als wären sie das Normalste der Welt. Auf Social Media erklären Sexualpädagog*innen offen, was Konsens bedeutet, was ein Safeword ist und warum Aftercare für viele genauso wichtig ist wie das Spiel selbst. Wer heute BDSM sagt, muss selten erst erklären, was damit gemeint ist. Vor zwanzig Jahren war das anders.

Diese Sichtbarkeit freut mich, das möchte ich nicht verschweigen. Ich habe selbst erlebt, wie befreiend es sein kann, wenn ein Thema nicht mehr nur hinter verschlossenen Türen verhandelt wird. Trotzdem stelle ich mir immer wieder dieselbe Frage. Bedeutet mehr Sichtbarkeit auch automatisch mehr Akzeptanz? Oder haben wir nur gelernt, hinzuschauen, ohne wirklich zu verstehen, was wir da sehen?

Sichtbar sein ist nicht dasselbe wie verstanden werden

Ein Modetrend erklärt niemandem, warum Menschen Kontrolle abgeben oder übernehmen wollen. Eine Serie, die Fesselspiele zeigt, erklärt selten, wie viel Kommunikation, Vertrauen und Verantwortung tatsächlich dahinterstecken. Sichtbarkeit zeigt eine Oberfläche. Akzeptanz braucht Verständnis für das, was darunter liegt. Genau da wird es interessant, denn die Forschung zeichnet ein deutlich nüchterneres Bild, als es der Blick auf Magazine vermuten lässt. Eine Studie aus dem Jahr 2020 befragte rund 300 Menschen aus der Allgemeinbevölkerung zu ihren Einstellungen gegenüber BDSM-Praktizierenden. 86 Prozent der Befragten stimmten mindestens einer stigmatisierenden Aussage zu (Schuerwegen et al., 2020). Die Forschenden unterschieden dabei drei Ebenen der Stigmatisierung: Vorurteile, die bei 69 Prozent der Befragten zu finden waren, Zustimmung zu offener Diskriminierung bei 77 Prozent und schlichtes Unverständnis bei 42 Prozent. Sichtbarkeit hat also offenbar nicht dazu geführt, dass Vorurteile verschwinden, sie hat sie höchstens sichtbarer gemacht.

Was Sichtbarkeit für Praktizierende bedeutet

Auch auf der anderen Seite, bei den Menschen, die BDSM tatsächlich leben, zeigt dieselbe Studie ein zwiespältiges Bild. Rund 28 Prozent der befragten Praktizierenden gaben an, dass es ihnen unangenehm ist, offen über ihre Neigung zu sprechen. 35 Prozent berichteten von Schwierigkeiten in ihren Beziehungen, die auf ihre BDSM-Interessen zurückgingen. Und 55 Prozent gaben an, sich während oder nach dem Ausleben ihrer Neigung schon einmal geschämt zu haben (Schuerwegen et al., 2020). Scham ist selten ein Zeichen von etwas Falschem an der Person, die sie empfindet. Sie ist meistens ein Zeichen dafür, wie sehr die Botschaften der Umgebung nachwirken, selbst wenn man längst weiß, dass mit den eigenen Wünschen alles in Ordnung ist.

Eine neuere Untersuchung aus dem Jahr 2025 befragte über 500 BDSM- und Kink-Praktizierende zu ihren konkreten Diskriminierungserfahrungen. Fast 30 Prozent berichteten, schon einmal diskriminiert worden zu sein. Besonders auffällig war der medizinische Bereich: Wer wegen einer Verletzung, die im Zusammenhang mit BDSM entstanden war, ärztliche Hilfe suchte, berichtete überdurchschnittlich häufig von diskriminierendem Verhalten des Fachpersonals (Catalán Águila et al., 2025). Wer aus Angst vor Verurteilung eine Verletzung verschweigt oder eine Behandlung meidet, trägt ein gesundheitliches Risiko, das mit der eigentlichen Praxis gar nichts zu tun hat, sondern allein mit der Angst vor Stigmatisierung.

Dieselbe Studie fand noch etwas, das ich besonders bemerkenswert finde. Mehr Sichtbarkeit innerhalb der eigenen Community, also ein stärkeres Gefühl von Zugehörigkeit und Austausch mit anderen Praktizierenden, ging gleichzeitig mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einher, Diskriminierung von außen zu erleben (Catalán Águila et al., 2025). Wer sichtbarer lebt, ist eben auch angreifbarer. Sichtbarkeit schützt also nicht automatisch, manchmal setzt sie sogar erst der Angriffsfläche eine Form.

Ein Blick auf die offizielle Anerkennung

Es lohnt sich, auch auf die fachliche Seite zu schauen. Erst im Jahr 2013 hat das amerikanische Diagnosehandbuch für psychische Störungen, das DSM-5, eine wichtige Unterscheidung eingeführt, nämlich die zwischen einer paraphilen Neigung und einer paraphilen Störung. Seitdem gilt fachlich anerkannt, dass ein ungewöhnliches sexuelles Interesse für sich genommen keine psychische Erkrankung darstellt, solange es einvernehmlich gelebt wird und niemandem schadet. Erst wenn echter Leidensdruck oder mangelnder Konsens hinzukommt, sprechen Fachleute von einer Störung. Das klingt nach einem selbstverständlichen Fortschritt. Und doch zeigt allein das Datum, wie jung diese Klarstellung eigentlich ist. Viele Menschen, die heute BDSM praktizieren, sind älter als diese fachliche Einordnung. Eine offizielle Entpathologisierung auf dem Papier verändert außerdem nicht über Nacht, wie Ärztinnen, Vermieter oder das eigene Umfeld tatsächlich reagieren.

Was echte Akzeptanz von Sichtbarkeit unterscheidet

Ich glaube, der Unterschied zwischen Sichtbarkeit und Akzeptanz liegt genau hier. Sichtbarkeit bedeutet, dass ein Thema existiert und wahrgenommen wird. Akzeptanz bedeutet, dass Menschen mit ihren Neigungen nicht rechtfertigen müssen, warum sie so sind, wie sie sind. Dass eine Verletzung in der Notaufnahme genauso unaufgeregt behandelt wird wie ein Sportunfall. Dass niemand befürchten muss, das Sorgerecht oder den Job zu verlieren, weil er oder sie BDSM praktiziert. Dass Scham nicht mehr zum ständigen Begleiter wird, nur weil die eigene Sexualität nicht der Mehrheitsnorm entspricht.

Davon sind wir, das zeigen die Zahlen deutlich, noch ein gutes Stück entfernt. Das soll kein Grund zur Entmutigung sein, eher eine Einladung zur Ehrlichkeit. Sichtbarkeit ist ein wichtiger erster Schritt, ohne sie gäbe es die Aufklärungsarbeit, die ich und viele andere heute leisten können, in dieser Form gar nicht. Aber Sichtbarkeit allein reicht nicht, um Vorurteile abzubauen, die sich über Jahrzehnte festgesetzt haben.

Was mich zuversichtlich stimmt, ist etwas anderes. Jedes Gespräch, das wirklich informiert statt bloß neugierig geführt wird, verschiebt etwas. Jede Ärztin, die lernt, eine Fesselspur nicht mit einem Warnsignal für häusliche Gewalt zu verwechseln, verändert etwas. Jeder Mensch, der versteht, dass Kontrollabgabe in einem klar verhandelten Rahmen etwas anderes ist als Kontrollverlust, verändert etwas. Genau darum schreibe ich, spreche ich, unterrichte ich. Sichtbarkeit war der Anfang. Die eigentliche Arbeit, das Verstehen, das Ernstnehmen, das selbstverständliche Miteinander, liegt noch vor uns.

Und vielleicht müssen wir BDSM deshalb gar nicht „normalisieren“. Vielleicht sollten wir anfangen, Normalität selbst zu hinterfragen. Denn eine Gesellschaft, die nur das akzeptiert, was sie versteht, ist nicht besonders tolerant. Eine Gesellschaft, die Unterschiede aushält, ohne sie sofort erklären, pathologisieren oder bewerten zu müssen, wäre schon ein ziemlich guter Anfang. Und genau darüber sollten wir reden.

Quellen

American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.).

Catalán Águila, M., Fernández Agis, I., & Strizzi, J. M. (2025). Experiences of discrimination among BDSM and kink practitioners. The Journal of Sexual Medicine, 22(11), 2099–2101. https://doi.org/10.1093/jsxmed/qdaf235

Schuerwegen, A., De Zeeuw, I., Huys, W., Henckels, J., Goethals, K., & Morrens, M. (2020). A survey study investigating stigma towards BDSM in the general population and self-stigmatization among BDSM practitioners. JSM Sexual Medicine, 4(7). https://doi.org/10.47739/2578-3718/1055

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